Advent im Alpenraum

Andrea Richle anlässlich der Lesung im Ressort Hof Weissbad am 20. Dezember 2025
Kurt Haberstich ist seit 2014 wohnhaft in Appenzell. Schnell hat er hier Anschluss gefunden und sich bei Land und Leuten integriert. In seiner beruflichen Karriere durchwanderte er so manche Station vom Konstruktionsschlosser zum Betriebstechniker, Personalberater, Vize-Amtsleiter bis hin zum Fotografen, Skulpteur und Autor. Er schreibt Lyrik, Kurzgeschichten, Erzählungen, Aphorismen, veröffentlichte Prosa, Lyrik, Bildbände und Kalender.
Ein zentrales Thema sind für ihn die Berge. Vom Alpstein über die Alpen bis zum Denali in Alaska, dem kältesten Berg der Welt - ob erwandert, erklettert oder mit dem Hängegleiter überflogen. So sind ihm auch die Menschen in diesen Gebieten sehr nahe. Er interessiert sich für deren Kultur, Lebensweise und Brauchtum.
Kurt Haberstich wird Sie mit seinen Prosatexten und Gedichten in seine Welt entführen. Seine Gedanken und Beobachtungen zur Adventszeit im Alpenraum, die durchaus auch eine Allgemeingültigkeit in sich tragen, werden Sie bestimmt inspirieren. Besinnlich, nachdenklich, pointiert kommen seine kleinen und feinen Geschichten daher.
Durch die Lesung führt Andrea Richle, ebenfalls ortsansässig und zuständig für «das gute Buch» in den Regalen beim Kaminfeuer im Resort Hof Weissbad. Sie wird Kurt Haberstich im Gespräch die eine oder andere Anekdote entlocken können, haben die beiden doch schon verschiedene Anlässe miteinander gestaltet.

Appenzeller Volksfreund, 10. Januar 2026, Peter Müller
Die Stille Zeit im Alpenraum
Lesung und Gespräch mit Buchautor Kurt Haberstich und Bibliothekarin Andrea Richle
"Advent im Alpenraum". Die Veranstaltung mit Buchautor Kurt Haberstich und Bibliothekarin Andrea Richle im Hof Weissbad bot allerlei Interessantes, Unterhaltsames und Nachdenkliches. Sie tat das mit einer Mischung aus Gespräch und Lesung.
Wenn man sich mit einem Brauchtumsforscher über "Advent im Alpenraum" unterhält, ist naturgemäss viel von der Vergangenheit die Rede, von Winterzeiten, die ruhiger und schlichter waren als heute. Eine Welt, die heute am Schwinden ist, wenn nicht verschwunden, aber auch leise rät: "Behaltet oder übernehmt doch das eine oder andere davon. Es könnte sich lohnen."

Eine stille Zeit
In früherer Zeit, "so bis 1900", sagte Kurt Haberstich, war der Advent im Alpenraum eine stille Zeit, auch eine Fastenzeit, und eine Zeit der Besinnung. Man war in sich gekehrt: "Was lief gut? Was muss man anders machen?" Dazu passten die Rorate-Messen, mit ihrem stillen Gebet bei Kerzenlicht. Die Aussenarbeiten waren abgeschlossen. Jetzt wurde in den Ställen und Remisen gearbeitet, insbesondere Reparaturen standen an. Und draussen wurde Holz gefällt und heimtransportiert. Die Frauen nähten und flickten. Beliebt waren die Spinnstubeten, wo man bei gemeinsamen Handarbeiten zusammensass. Dort wurde auch geplaudert, dort wurden Geschichten erzählt, und junge Leute konnten Beziehungen anknüpfen. An Weihnachten ging es dann festlich zu, und auf dem Esstisch standen Köstlichkeiten. Findige Mütter zauberten allerlei, auch wenn sie wenig hatten, zauberten zum Beispiel etwas Süsses, zauberten mit Rahm. Der bäuerliche Alltag pausierte dann noch ein paar Wochen weiter. Am 2. Februar, an Maria Lichtmess, startete das neue Landwirtschftsjahr.

Wärme, die guttut
Diese kurzen, kalten Tage sind aber auch eine Zeit, um Gutes zu tun, eine Zeit für Freundlichkeit, Grosszügigkeit und Dankbarkeit, für Nächstenliebe und Solidarität mit Einsamen, Alten und Schwachen. Auch das ist eine Wärme, die wir Menschen brauchen. Kurt Haberstich thematisierte das in verschiedenen seiner kurzen Geschichten, die er oder Andrea Richle vorlasen. Geschichten, die nachdenklich machten, aber auch zum Schmunzeln anregten. Da geht es zum Beispiel um einen Sohn, der für seinen Vater im Bücherladen Appenzell ein Buch zu Weihnachten sucht und denkt: "Eientlich muss das Buch vor allem mich interessieren - ich werde es sicher bald erben." Da wird er nachdenklich. In einer anderen Geschichte besorgt ein eigenbrödlerischer, mürrischer Bewohner eines Altersheims heimlich kleine Weihnachtsgeschenke für die anderen Bewohner. Sie endet damit, dass er vor seiner eigenen Zimmertür ebenfalls ein Weihnachtsgeschenk findet - ein originelles. "Im Mantel der christlichen Nächstenliebe lässt sich gut überwintern", meint Kurt Haberstich in einem der Gedichte. Man könnte die Zeile aber noch ergänzen: Es gibt Menschen, die diesen Mantel auch im Sommer brauchen, weil in einem Menschenleben auch der Sommer ein tiefer Winter sein kann.

Heute ist vieles individuell
Andrea Richle und Kurt Haberstich sind zwei bekannte Persönlichkeiten des hiesigen Kulturlebens und haben schon einige Veranstaltungen zusammen bestritten. Am Adventabend im Hof Weissbad öffneten sie auch grössere Horizonte. So wies Andrea Richle darauf hin, dass die Alpen ein grosser, weiter Raum sind, der von Frankreich bis Slowenien reicht: "Das ist vielen von uns nicht bewusst." Und in ihrer Einleitung verwies sie auf einen Märchenfilm, der seit über 50 Jahren zum festen Bestand der hiesigen Weihnachtstradition gehört: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", den man auch hier nicht weiter vorstellen muss. Gleichzeitig hat Weihnachten heute vielfach eine individuelle Ausgestaltung. Die einen machen's so, die anderen so, und der Konsum, der Fun spielt eine grosse Rolle. Kurt Haberstich sagte das mit einem gewissen Bedauern.