Haiku

Haiku sind traditionelle japanische Kurzgedichte und bestehen in der Regel aus drei untereinander angeordneten Wortfolgen mit jeweils 5 – 7 – 5 Silben. Unverzichtbarer Bestandteil von Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Meistens deuten sie eine Jahreszeit oder Beobachtungen in der Natur an. Gefühle werden in einem Haiku nicht direkt benannt, sondern sollen sich bei der Leserin und beim Leser einstellen.

Mit siebzehn Silben
eine ganze Geschichte
zu Papier bringen.

Frühling

Frühlingserwachen.
Was für ein Jubel, dieses
bereifte Lächeln.

Raureifgepudert
läuten die Glockenblumen
still den Frühling ein.

Aus dem Winterweiss
den Frühling kommen sehen
blaugelbgrünäugig.

Zarte Anemonen
brechen unverfroren aus
erstarrtem Boden.

Hochzeitsmonat Mai.
Der Kirschbaum zeigt sein Brautkleid
mit Bienensummen.

Grün wispert das Laub.
Vogelgezwitscher verstärkt
das Naturkonzert.

Die Frühlingsbotschaft,
pollenhöschenbehangen,
verkünden Bienen.

Was soll nun werden,
Regen Schnee oder Sonnenschein,
du launischer April?

Schnee auf den Blüten.
Kritisiert wird nicht der Mai.
Schuld ist das Wetter.

Schnee auf den Blüten.
Bauernregeln haben Recht,
schuld ist der April.

Frühlingserwartung.
Was der Winter verschonte
willkommen heissen.

Taufrischer Morgen.
Kristallzarter Blumengruss
aus frostigem Grund.

Blumen sind eine
Herzensangelegenheit.
Im Frühling erst recht.

Kirschenblütenpracht
überduftet emsiges
Summen der Bienen.

Auf der Alpwiese.
Schneefrei neben der Hütte:
Weisser Enzian.

Abendrot im Mai.
Hirtenflötenklang vertont
Wehmutsgefühle.

Sommer

Sommersonnwende.
Betörender Rosenduft
lässt Herzen tanzen.

Schönwetterwolken.
Kaum ist der Himmel offen
bauschen sie sich auf.

Sommergewitter.
Das dürstende Ährenfeld
dankt es dem Himmel.

Blaublütige Schau.
Der Enzian präsentiert
sein Königsgewand.

Dohlen im Aufwind.
Flüchtige Ornamente
zieren den Himmel.

Hoch in den Lüften.
Alpendohlen im Aufwind
erklären Leichtheit.

Schleifenden Fluges
zerschneiden die Rauchschwalben
gesättigtes Blau.

Die Unendlichkeit
durchschneidet der Steinadler
schleifenden Fluges.

Schwarzgetupftes Blau.
Ein Krähen Schwarm erforscht den
weiten Horizont.

Schwerelos Gleiten.
Alpendohlen im Aufwind
zeigen wie es geht.

Glockenblumenstrauss.
Blaublütig läutet er den
Sonnensonntag ein.

Die Blütenpracht im
Park überduftet das Summen
emsiger Bienen.

Sommersonnentag.
Schweben wie ein Schmetterling.
Aus purer Freude.

Bienenzüchter Traum.
Farbiges Blütenmeer und
summende Wiesen.

Mmh, Heidelbeeren!
Singe mit blauen Lippen
ein heiteres Lied.

Kurz vor Herbstbeginn
Sommerlaune eingepackt
für graue Tage.

Naturperlenglanz
zur Sommersonnenwende.
Was für ein Traum Tag!

Herbst

Nebelflut im Tal.
Darüber Erinnerungen
an Sommertage.

Herbstimpressionen:
Nebel verkürzt die Landschaft.
Der Himmel ist nah.

Farbenkatalog
durcheinandergewirbelt
im rauen Herbstwind.

Es komponiert der
Herbst mit wirbelnden Blättern
Noten in die Luft.

Letztes Geläute.
Die Trauerbachstelze wippt
auf dem dunklen Stein.

Übrigbleibendes.
Wo der Pflücker nicht rankam,
zwei rote Äpfel.

Goldener Weinberg.
Süsse Trauben versprechen
hellen Gläserklang.

Warmer Oktober.
Edler Saft lockt Wespen in
die reifen Trauben.

Farbenfroher Herbst
spiegelt sich im klaren See.
Bis der Wind reinfährt.

Strahlender Herbsttag.
Im Kronendach der Buche
vergängliches Gold.

Martinisommer.
Im knöcheltiefen Blattgold
durch den Herbst schlendern.

Ungefragt legt der
Herbst seinen Farbenmantel
auf den stillen See.

Erster November.
Erinnerungen an Glück
und Leid werden wach.

Herbstzeitlosen blühn.
Vögel sammeln sich zum Flug.
Ob sie wiederkehrn?

Der Wind bringt mir mit
dem Kartoffelstaudenrauch
die Kindheit zurück.

In Achtungsstellung
die erste Winterahnung:
Weisses Hermelin.

Zeit des Loslassens:
Kein Flehen, kein Aufbäumen.
Laubfall macht es vor.

Winter

Eisige Kälte.
Den Winter stört das nicht.
Er pfeift auf Wärme.

Schnee auf jedem Ast.
Wo der Pflücker nicht rankam
drei rote Äpfel.

Der Winter ist da.
Die Knospen an den Bäumen
verkünden Frühling.

Dezemberrosen
im Garten konkurrieren
mit dem Tannengrün.

Schneeflocken darf man
Briefe des Himmels nennen,
sagte einst Nakaya.

Christrosen blühen
von der Kälte unbeirrt
in meinem Garten.

Knöcheltiefer Schnee,
doch das unterirdische
Samenkraftwerk läuft.

Konkurrenz im Park.
Beerenrot und Schnee buhlen
um die Vorherrschaft.

Winterresistenz.
Vom Schneetreiben unbeirrt
die Kuh im Auslauf.

Traum- oder Märchenwelt.
Dem Winter ist beides recht.
Lass ihn gewähren.

Machtanspruch Beleg.
Der frostige Winter zeigt
wer das Zepter führt.

Wildspuren im Schnee.
Wer des Nachts unterwegs ist,
hat sich verraten.

Geschenk des Winters.
Durch dichtes Schneegestöber
der Gruss vom Nachbar.

Ordnungsfehler im
Winterparadies: Hunger
für die Bergtiere.

Raureifkristalle.
Entschädigungen für den
Verlust von Blumen.

Reinheit des Winters.
Altlasten versinken im
angehäuften Schnee.

Heuduft gespeichert,
um im Winter der Kälte
die Stirn zu bieten.

Kalte Winternacht.
Die Bratäpfel überduften
den Kuhnagelschmerz.

Lindenblütenduft
liest dem eisigen Winter
jäh die Leviten.

Allgemeine

Unbeschreiblich, was
in einem einzigen Satz
enthalten sein kann.

Mit siebzehn Silben
feinsinnige Geschichten
Freunden verschenken.

In siebzehn Silben
Bekanntes neu entdecken
ohne zu reisen.

Siebzehn Silben lang
hämmert der Buntspecht Maden
aus dem morschen Holz.

Eichhörnchen pflanzen
Bäume, wenn sie das Versteck
nicht wieder finden.

Mit der Geduld des
Reihers würden auch wir mehr
Erfolge haben.

Romane lesen
ist gedankliches Reisen
auf der Veranda.

Drehen wir den Spiess
einmal um, sagte der Mond
und rollte zu uns.

Was für ein Morgen!
Als ich auf dem Gipfel stand,
griffbereit der Mond.

Ob am heutigen
trüben Sommersonnwendetag
die Nacht erhellt ist?

Sehen Sie sich vor.
Parkieren hier verboten!
Wehe Sie tun es.

Mond - verschwiegener
Kumpan - verrät nicht unsre
traute Zweisamkeit.

Im Naturgarten.
Wo Unkraut ungeschoren
davonkommen kann.

Magische Mondnacht.
Ziehende Wolken schreiben
wortlos Gedichte.

Die zartblaue Stunde
fachmännisch gebannt schwarzweiss
auf Seidenglanz matt.

Abweisend dunkle
Berge und hoch darüber das
azurne Himmelszelt.

Einen Schritt zu weit
und der Vogel flog davon.
Noch federt der Zweig.

Auf groben Malgrund
feinste Details gekritzelt,
makellos farbig.

Aufsicht im Revier.
Mit Gekreische beschimpft mich
der Eichelhäher.

Schwerelos gaukelt
über namenlose Gräber
der Trauerfalter.

Anmut und Wildheit.
Im Einklang mit der Natur
keine Seltenheit.

Alpen-Champagner.
Ein Schluck frisches Quellwasser.
Durst, was willst du mehr!

Klick! – hat es gemacht.
Nun entwischt er mir nicht mehr,
der Dreizehenspecht.

Im Einfachen das
Vollkommene entdecken.
Was für ein Gewinn.

Vogelkonzerte.
Stieglitze bedanken sich
für Distelsamen.

Kein Fischerlatein:
Ohne Ruhe und Geduld
gibt es keinen Fisch.

Im Klostergarten.
Die kecke Mönchsgrasmücke
pfeift auf die Stille.

Sonnenuntergang.
Betriebsamkeit kommt zur Ruh –
bis der Tag erwacht.

Seltenes Gespann.
Schlauheit und Zurückhaltung.
Im Tierreich möglich.

Blumen sind Zeichen,
wie gut es die Natur mit
Erdenwesen meint.

Der Rabe auf der
bunten Wiese hält Ausschau
nach Artgenossen.

Zu allen Zeiten.
Ob Disteln, Nelken, Krokus,
Blumen erfreuen.

Neugier kennt auch in
der Wildbahn keine Grenzen.
Woher das wohl rührt?

Idylle und Brauchtum.
Unentbehrliche Werte
fürs Wohlbefinden.

Stille Momente.
Alltagslast abwerfen und
zu sich selbst finden.

Kraftorte sind da,
wo wir auftanken können
und uns wohl fühlen.

Bodenständigkeit.
Barfuss durch Wiesen hüpfen.
Geerdet bleiben.

Wasser - dauernde
Erneuerung ohne Frage
woher und wohin.

Im gepflegten Park.
Präsent für die Achtsamen:
Duftende Blüten.

Windstiller Morgen.
Goldig spiegeln sich Berge
im glasklaren See.

Es ist die Hoffnung
auf ein gutes Ankommen
das auffordert – geh′!

In allen Zeiten
öffnen Liebe und Güte
versperrte Türen.

Frei von aller Last
an einem friedlichen Ort
das Glück geniessen.

Mit einem Freund an
der Seite sind Notlagen
leichter zu meistern.

Der See auch dem ein
Spiegel, der nicht hineinsieht.
Schön ist er trotzdem.

Wir kommen mit nichts
auf die Welt und verlassen
sie auch wieder so.

Heimat ist der Ort
wo wir angekommen sind,
wo es uns gut geht.

Nicht nur den Bäumen,
auch dem Mensch geben Wurzeln
Halt im Lebenssturm.

Seen sind Augen
der Erde, mit denen sie
den Himmel bestaunt.

Unvereinbarkeit.
Oben Stille und Einklang.
Unten Lärm und Hast.

Mondnacht,
vorbeiziehende Wolken schreiben
wortlose Gedichte

Es brennt der Himmel
und kein Meer kann ihn löschen.
Machtvolle Natur.

Ein Prachtsmorgen wie
eine Liebeserklärung.
Der Berg errötet.

Die Liebe hat schon
manche Tür geöffnet die
zugeschlossen war.

Verzage nicht gleich
nach dem Sonnenuntergang.
Freue dich auf den Mond.

In diesem Kreislauf
von Schöpfung und Zerstörung
leben auch Menschen.

Gedichte schreiben
ist gedankliches Reisen
im trauten Rahmen.

Unhörbar, was die
Schwalbe den Himmelsboten
mitteilt im Fluge.